Freitag, 23. November 2012

Spielen im Wandel der Zeit - Eine persönliche Ansicht


"Spielen ist doch nur was für Kinder!" ist eine Phrase die man heutzutage zum Glück nur noch recht selten hört. Aber es kommt doch immer mal wieder vor das die Meinung vertreten wird, das Erwachsene doch nicht spielen und wenn ja dann sind sie eben kindisch. In den Zusammenhang hört und liest man das immer mal besonders zum Thema Videospiele. So etwas kommt dann nicht nur von sogenannten Bildungsmenschen, sondern eben auch mal aus der B!LD-Leser-Fraktion. Durchs Internet und Casual Games hat sich das zwar in den letzten 10 Jahren ein wenig entzerrt, aber so ganz ist die Meinung noch nicht aus den Köpfen der "Spielverderber" verschwunden.
Und überhaupt, spielen tut man als Kind um etwas für's spätere Leben zu lernen und dann wird man erwachsen! Ist das so?

Derweil spielen die meisten Menschen doch ihr ganzes Leben lang. Auch die die solche Sätze wie oben loslassen. Und sie benutzen das Verb spielen dabei sogar. Sie spielen Fußball. Sie spielen Lotto. Sie spielen Skat. Naja, bekommt man dan manchmal zu hören, wenn man dieses Argument anbringt, das wäre doch etwas ganz anderes. Eben was Ernsthaftes. Was Erwachsenes eben. Man rutsche nicht mit den Knien auf den Boden rum oder klicke keinen bunten Computerbilder am Bildschirm an. Das wäre doch das eigentliche kindische Spielen!
Aha. Aber was tut man da? Also beim Videospiel? Bei den meisten Genres tut man so als wäre man jemand Anderes (was sie meisten Menschen schon ohnehin ständig machen z.B. auf Arbeit, im Sportverein, bei Verwandschaftsbesuchen usw.). Man versetzt sich in eine andere Rolle, wie ein Schauspieler. Mit wird zum Detektiven, zum Soldaten, zum Piloten oder eben zum Klempner der Prinzessinnen rettet. Man tut so als wäre man jemand anderes, man spielt diese Rolle. Das machen eben nicht nur Schauspieler, sondern wer mal auf einem Seminar (Neudeutsch Workshop) gewesen ist, der kennt Rollenspiele, die meist nicht nur zur Veranschaulichung benutzt werden, sondern auch das sich die Teilnehmer dabei entspannen können. Und darum geht es doch beim Spielen! Man will sich aktiv entspannen. Man will mal aus seinen Leben ein wenig austreten, einen Schritt beiseite gehen, und mal jemand Anderes sein. Wenn man so etwas nicht im Spiel simuliert, sondern das so ganz "erwachsen" angehen würde, dann kann das schnell zu einer Straftat führen! Dann ist man im fast schon harmlosesten Fall ein Hochstapler. Oder eben Autodieb. Oder behindert als Hobbyermittler die Polizei. Oder wird für verrückt erklärt. Z.B. wenn man sich ne rote Latzhose anzieht, ne rote Schirmmütze aussetzt, nur noch Pilze ist und versucht Prinzessin Viktoria zu retten.

Aber wie ist es mit den Spielen bestellt? Wenn ich mal einen Blick zurück in die Vergangenheit werfe und mich dabei nur auf meine Familie väterlicherseits beziehe, dann ist das alles gar nicht so einfach. Mein Opa (Geb. 1885) wird wohl in seiner Kindheit auf den Bauernhof in Ostpreussen bestimmt gespielt haben. Ob nach der Kindheit von ihm irgendein Mannschaftssport betrieben wurde, wie Fußball, oder ob er Karten gespielt hat, weiß ich nicht. Das war so eine Generation die nie groß über die Vergangenheit gesprochen hat. Aber auch nicht über die Zukunft. Und schon gar nicht über die Gegenwart. Mein Opa soll ohnehin nicht viel gesprochen haben. Auch nicht mit seinen Sohn, also meinen Vater. Daher wissen wir nicht viel über sein Spielverhalten als Erwachsener. Bei meiner Oma (Geb. 1909) weiß ich das sie als junges Mädchen Tischtennis gespielt hatte und nur eine einzige Puppe besessen hatte, die sie im Alter von 8 Jahren an eine der jüngeren Geschwister abgeben musste. Als sie 13 wurde starb ihre Mutter und sie musste als Älteste den Haushalt übernehmen. Da war dann nicht mehr viel Zeit zum spielen. Später hat sie aber immer ganz gern mal Rommé oder Canasta gespielt. Aber nie mit mir. Ich kann mich nicht erinnern das sie je mit mir etwas gespielt hat. Auch wenn wir alle im Garten zusammen waren. Kein Federball oder so. Es gab eben immer etwas zu Arbeiten. Im Garten zu wühlen. Wenn wir zu hause besuchten, dann kocht, putzte oder weckte Obst ein. Wenn sie uns besuchte, dann kochte sie auch und bügelte die Wäsche.

Mein Vater (Geb. 1935) hatte durch den Krieg seine frühe Kindheit verloren. Als er 9/10 Jahre alt war wurde Berlin von den Alliierten Tag und Nacht bombardiert. Da war nichts mit spielen. Nach den Kriegsende kam die Hungersnot. Er hätte mit 11 gerne einen Roller gehabt, aber der kostete 10 Reichsmark. Damals unglaublich teuer für eine ausgebombte Familie, wo der vater für ein paar Mark im Monat Linienbusse fuhr und die Mutter mindestens vier Mal im Monat auf den Land hamstern ging. Das einzige Spielzeug das er je hatte war ein kleiner Trecker aus Holz. Natürlich unlackiert. Die Lackierten warten zu teuer gewesen. Später spielte er dann Karten. Skat mit den Gartenfreunden und eben auch Rommé mit Freunden und später auch mit mir. Das Konzept eines Brettspiels war in meiner Familie zunächst unbekannt. So etwas gab es nicht. Es wurde auch kein Geld in Flipper-Automaten gesteckt. Dafür war kein Geld da. Was übrig blieb wurde in Schallplatten investiert. In den 60zigern wurde dann der Verdienst meiner Eltern etwas besser, so das man sich auch mal was leisten konnte. Z.B. eine eigene Wohnung 1961. Mein Vater arbeitete (bis zu seiner Rente) als Steinsetzer, das früher noch ein richtiger Ausbildungsberuf war und einen Gesellenbrief erforderte. Meine Mutter als Buchbinderin an einer Maschine bei Ullstein (heute Springer) im Berliner Ullsteinhaus in Tempelhof.
Als ich dann ein paar Jahre später zur Welt kam, wurde so um 1972 das erste Brettspiel gekauft: Mensch Ärger Dich Nicht! Das wurde dann in der Familie mit mir gespielt. ABer mit ihren Freunden wurde weiter Rommé gespielt.

Das erste Videospiel, ein Pong-Clone von Blaupunkt, wurde von meinem Vater eher zufällig gekauft. Alle Welt sprach von Telespielen Mitte der 70ziger. Mein Vater hatte auf der Funkausstellung davon an jeden zweiten TV-Stand was gesehen. Und nach Funkausstellungen wurden die alten Geräte oder Vorgängergeräte immer billig in den Läden rausgeschmissen. So kaufte mein Vater für ein paar Mark bei Atzert so eine Telespiel von Blaupunkt. Schließlich hatte Damals fast jede Familie so ein Kasten. Allerdings konnte er nicht so viel mit dem Telespiel anfangen. Er spielte zwar tapfer ein paar Runden immer wieder einmal mit mir (meine Mutter hat den Kasten nur zum staubwischen abgefasst), aber so richtig Spaß hat ihm das glaube ich nie gemacht. Später hat er dann noch ein paar Spiele wie Missle Command und Tennis auf Ataris VCS gespielt, aber auch da nur um mir mal eine Freude zu machen. Aber Brettspiele hatte ich zu der Zeit auch viele gehabt. Meistens hatte ich diese allerdings mit meinen Freunden gespielt und nicht mit meinen Eltern. Das einzige Spiel das sie neben Mensch Ärger Dich Nicht je mit mir gespielt haben war Monopoly. Das wurde dann aber so oft gespielt, das ich es selbst heute nicht mehr mag und mich von meiner Familie nur wiederwillig zu der Disney-Variante überreden ließ.

Spielen ist für mich ein wichtiger Teil meines Lebens. Und eben auch einer wichtiger Teil in meiner Familie. Meine Tochter wächst mit Brett- und Videogames spielenden Eltern auf. Für sie ist das alles ganz selbstverständlich. Als Jugendlicher musste ich mir sehr oft von Gleichaltrigen oder Älteren anhören "Was du spielt Computerspiele?" (was in der gleichen angeekelten Tonart wie "Was du hast die Krätze?" gefragt bzw. festgestellt wurde). Heute ist das nicht mehr ganz so. Höchstens mal werde ich schief angeguckt wenn ich nicht War Of Worldcraft oder Doll Of Cutey spiele. Oder schlimmer noch diesen pixligen Kram aus den 80zigern des letzten Jahrtausends immer noch gerne spiele.
Ich finde es schön das die "Mädchen-spielen-keine-Video Games"-Phase auch mittlerweile überwunden ist. Für meine Tochter ist das jetzt alles selbstverständlich und es geht eher mal in die andere Richtung wie "der und der spielen keine Videospiele! Der oder der mag nicht einmal Videospiele!". Da muss ich dann mal dagegen argumentieren, das es eben Menschen gibt, die sich zwar Videospiele leisten können, aber sie trotzdem nicht spielen, weil sie eben andere Interessen haben. Sie kann sich wiederum kaum vorstellen, das manche Menschen Computer haben und darauf außer Solitaire kein einziges Spiel haben! Ein Computer oder Handy ohne Spiel erscheint schon fast sinnlos. Aber genauso selbstverständlich ist es für sie eben Brettspiele zu spielen, jede Menge Bücher zu lesen und mit Freunden klassische Kindheitsrollenspiele zu spielen ("Können wir mal ein paar Sachen aus der Vorratskammer nehmen? Wir wollen Einkaufszentrum spielen!"---"Kann ich mal dein Mikroskop ausleihen? Wir spielen wir wären Wissenschaftler die ein ausserirdisches Virus entdeckt haben!").
Ja, selbstverständlich könnte ich mich auch ohne zu spielen entspannen! Aber mal ehrlich: Das macht doch kein Spaß!

Kommentare:

rollinger hat gesagt…

Oh, sehr toller Beitrag. Ein echter Henk! Reich ich weiter. Mal schauen ob ich das auch mal zu "Papier" bringe.

Henk hat gesagt…

Ja, mach mal. Bin schon sehr gespannt!